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27.01.2016 - puravida-Projekt in Brasilien

Der in Göfis geborene und aufgewachsene Markus Breuss, der in Brasilien u. a. das puravida-Projekt betreut, lässt uns ein wenig an seinem Leben teilhaben. Er dankt für die regelmäßigen Spenden der TS Göfis und schreibt:

Liebe Göfnerinnen und Göfner,
 
es wieder soweit, einen Rückblick auf das vergangene Jahr zu werfen und von den Projekttätigkeiten der Solidaritätsinitiative Puravida zu berichten. Ich muss ergriffen feststellen, dass 2015 ein Jahr der Extreme war, von Dimensionen, die noch vor ein paar Jahren unvorstellbar gewesen wären. Und mehr noch, es macht sich die Gewissheit breit, dass wir uns wahrscheinlich an diese Extreme gewöhnten werden müssen!

In diesem Jahr hat die größte und gravierendste Umweltkatastrophe der Geschichte Brasiliens stattgefunden, als der Staudamm der Bergbaufirma Sanmarco in Mariana/Minas Gerais brach und eine Schlammlawine auslöste, die 500 km den Rio-Doce Fluß hinunterspülte, ganze Ortschaften unter sich begraben hat, Städte und Regionen ohne Trinkwasser hinterließ und am Ende auch noch ökologisch wertvolle Küstengebiete und Korallenriffs verschmutzte!

In den brasilianischen Großstädten, vor allem in São Paulo, gab es eine noch nie zuvor gesehene Wasserversorgungskrise, die zu Rationalisierungsmaßnahmen führte. Es fanden großflächige Überschwemmungen im Süden des Landes statt, während im Nordosten Dürrekatastrophen das Volk peinigten! Und dies ist zum einem dem weltweiten Klimawandel zuzuschreiben, aber auch dem in diesem Jahr extrem stark ausgeprägten Klimaphänomen El Nino.

Neben der Wasserkrise gab es auch eine nationale Energieriese. Aus Mangel an Investitionen und nachlässigem Management steht der Betrieb der meisten Wasserkraftwerke still. Zahlreiche Korruptionsskandale mit Billionenverlusten, wie in der staatlichen Erdölfirma Petrobras, wurden aufgedeckt. Die Ökonomie erlebte einen Einbruch mit all seinen negativen Auswirkungen, wie Inflation, Rezession, Anstieg der Arbeitslosigkeit. Das Ganze wird garniert von einer Politik-Krise, die so weit geht, dass es Putsch-Versuche gibt, um die aktuelle Bundespräsidentin Dilma abzusetzen. Soweit zum nationalen Szenarium.

Hier in Jacobina und in den Bergen der Chapada Diamantina wüteten und wüten immer noch Waldbrände von riesigem Ausmaß (ungefähr 500 km², größer als die gesamte Fläche des Bregenzerwaldes), die wichtige Naturschutzgebiete und Quellwasserregionen zerstören. Von diesem Wasser sind die großen Städte in Bahia abhängig und es ist voraussehbar, dass im nächsten Jahr die Wasserspeicher nicht mehr die Kapazitäten haben werden, um die Bewohner ausreichend mit Wasser zu versorgen.

Glücklicherweise, für die Projekte von ATABAQUE, die von der Turnerschaft Göfis unterstützt werden, war 2015 ein extrem positives Jahr. Wir konnten neue Projekte ins Leben rufen, Partnerschaften und Netzwerke erweitern und sind in politische Komitees und Interessensvertretungen integriert worden.

Das von uns eingereichte Projekt „Rotas Quilombolas“, das den Wissensaustausch von traditionellen Volksgruppen fördert und dadurch diese im Kampf für ihre Rechte zu stärken versucht, wurde vom Int. Fund für Landwirtschaft finanziert. Ebenso ein Projekt zur Anschaffung von Material und Geräten für die Näh-, Schneider- und Malkurse für die Frauen-Gruppe in den Werkstätten Puravida.

Ein weiteres Projekt zur Förderung der lokalen Biomärkte ist im Gange, wo ebenfalls Frauen der ländlichen Gemeinschaften involviert sind und Einkommen geschaffen wird. Die Capoeira- und Afrotanz-Kurse, die Jugendliche aus den Armenvierteln integrieren, gehen natürlich wie gewohnt weiter. Der alljährliche ökologische Wandertag „Caminhada do Brito“, schon in seiner neunten Edition, hat sich zu einem Highlight gemausert, und vereint jedes Jahr hunderte von Menschen, die das Gleichgewicht mit der Natur suchen!

Unser in Göfis schon bekannter „Junior“ wurde für das bundesstaatliche Gremium für traditionelle Volksgruppen nominiert und ist auch in lokalen Initiativen tätig, die sich für die Rechte der afrobrasilianischen ländlichen Gemeinschaften (Quilombos) einsetzen. Wir sind auch im bundesstaatlichen Komitee für die Wasserverwaltung des Itapicuru- Flussbeckens vertreten, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden, die mehr als 2 Millionen Einwohner betreffen.

Ich persönlich bin, nach 2 Jahren in der Hauptstadt Salvador, wieder nach Jacobina zurückgekehrt, um wieder an der Basis mit den kleinbäuerlichen Familien und kollektiven Kleinprojekten zu arbeiten, was mir, so bin ich d´raufgekommen, am allermeisten liegt und auch Spaß macht. Auch wartet mein Bauernhof darauf, dass ich mich wieder um ihn kümmere.

Werfen wir noch einen kurzen Ausblick auf das Jahr 2016. Wir haben vor, die Arbeit mit den Biomärkten zu intensivieren, die Kurse für die berufliche Weiterbildung in den Werkstätten Puravida fortzusetzen, sowie in Fundraising zu investieren, um neue Projekte in Angriff nehmen zu können. Im Oktober des kommenden Jahres werden die Gemeinderatswahlen stattfinden, wo unser Junior erneut antreten wird, und wir hoffen sehr, dass es diesmal klappt!

Mit herzlichen Grüßen,
Markus Breuss,
DI für Landschaftsplanung,
Kontakt: puravida@gmx.net